
The long Way is short
– Was mich in den Wahnsinn trieb
Von Thomas Schmoll
01.02.2026 (Rohfassung)
Teil 1
Anglühen
Ungefähr einen Meter Anlauf nehmen, und dann voll drauf dreschen, auf den Fußball. G. steht im Tor. Und wie er mir Jahre später erzählt hatte, wurde sogar ein Scout der Stuttgarter Kickers auf mich aufmerksam, so eifrig wie ich den Ball schoss; doch diesem gegenüber wiegelte er ab. Nicht, dass ich, fünf Jahre alt, damals Fußball damals für das Non-plus-ultra hielt, doch ich brauchte die Aufmerksamkeit unbedingt, und er gab sie mir. Allerdings – der Preis war hoch. Wirklich, aus heutiger Sicht, war der Preis absolut zu hoch. Doch dazu später mehr.
Nun, das war der Beginn einer, tja, langen Geschichte, die hier in meinen Werdegang intensivst mit hineinspielt, doch natürlich fängt dies alles viel früher an. Würde ich ernsthaft scherzen, dann wäre dies so ungefähr vor vier Milliarden Jahren gewesen mit dem Beginn. Ich bleibe bei scherzhaftem Ernst, und beginne vage in 1945.
Es gäbe so viel zu erzählen über die Menschen aus insbesondere dieser Zeit, in unserem Land ist ja klar, und es gäbe davor, noch so viel anzuhören, von den Vertriebenen aus der Gegend Ostpreußens, – von den gequälten und toten jüdischen Glaubens, Homosexuellen, Behinderten und psychisch Kranken, von den Angehörigen Sinti und den Roma ganz zu schweigen. Doch der Zug scheint abgefahren, zumindest in meiner Familie. Meine Großmutter H. lebt zwar noch, doch sie wird es wahrscheinlich nicht mehr leisten wollen, und auch nicht mehr können; sie ist leider seit Jahren unterfordert, und deutet selbst an, dass sie geistig abgebaut hat. Wer will es ihr etwa übelnehmen, ihr, im Frühling 1931 geboren und das Leben verbraucht und geopfert.
Jene Zeit zwischen dem ersten Weltkrieg und vor 1933, muss noch recht angenehm gewesen sein, eben in Ostpreußen. Es ist ja weit weg von Bayern, wo ich geboren wurde, und im Laufe der Zeit sickert nur tröpfchenweise, hier und da, ab und an mal eine Geschichte durch: Dieser ältere Mann, den ich bei einem Spaziergang überholte, welcher seiner Begleitung erzählte, dass damals, in Ostpreußen, die Welt in Ordnung war. Oder die Reportage über „Ostpreußens ruinenhafte Schlösser“, welche offenbarte, dass dies unter anderem eine satte Kornkammer für den Rest des Kontinents gewesen war. Und eben die Schilderungen meiner Oma.
Tja, und dann? Diese absolute Horror-Katastrophe Drittes Reich grassierte, und ich schreibe es nicht gern, aber glücklicherweise kam dann „Der Russ“, wie sie zu sagen pflegt. Und nun bin ich mir nicht ganz sicher, doch gestern, anlässlich des diesjährigen einundachtzigsten Jahrestages der Befreiung der Gefangenen aus den Konzentrationslagern der Nazis, waren russische Soldaten ebenfalls Befreier? Aha. Irgendwie hatte ich als Befreier, nur die US-Amerikaner gespeichert. Das tut mir leid. Bitte entschuldigt.
Und leider, ganz allgemein, natürlich irgendwie schon leider, kamen dann glücklicherweise die Russen. Ich wiederhole das, nicht nur um den roten Faden wieder aufzunehmen, sondern auch um meine Aussage quasi auf der Zunge zergehen zu lassen, und um diese dann auch zu verstehen. Denn es ist verwirrend, wenn ich so darüber nachdenke. Was soll ich sagen? Ich, wie Millionen andere, die nicht geboren worden wären. Was sollen wir denn sagen? Wer nicht geboren worden wäre, hebt bitte die Hand. Aber war es das wert? Darum geht es nicht, das ist ziemlich überflüssig, okay. Merke: Du übernimmst Altlasten. Na gut.
Zurück zu Großmutter H. und ihren Geschwistern. Geflüchtet sind sie, natürlich, aus der Nähe von Königsberg, dem heutigen Kaliningrad. Und das über den halben Kontinent, hunderte Kilometer übers Land. Bis in die Rostocker Umgebung, zumindest wurden da ihre Kinder, also meine Mutter und ihre Schwestern geboren. Was für ein Drama das auf jener Flucht gewesen sein muss. Zum Schlafen totgestellt, im Graben neben der Straße liegend. Federbetten auf Handkarren, übers Land mitgeschleppt; Geschwister, eine davon, kaum im Schulalter zu jener Zeit, nebenbei noch aufgezogen und durchgefüttert. Was muss das unbedingt für ein Chaos gewesen sein? Und ich beschäftige mich jetzt fast nur mit nur meiner Familie. Irre ist das doch.
Sie hatte mir nicht viel erzählt gehabt. Leider hatte ich auch wenig nachgefragt gehabt. Sie ist eine sehr empfindsame, und sehr intelligente Frau, und sie bekam in den letzten Jahrzehnten nicht viel von mir mit. Doch sie spürte bestimmt, sie sah bestimmt, bei mir war es auch beziehungsweise nahezu bodenlos ungünstig gelaufen. Diese Formulierung ist natürlich irreführend. So wie ich sie kenne, meint sie, ich hätte mich nicht genug zusammengerissen. Das kann ich ihr nicht übelnehmen. Aber hart zu ertragen, ist es dann natürlich schon. Jedenfalls hat sie mit ihrem Gemüt bezahlt, so ähnlich wie in der Story von Timm Thaler und das verkaufte Lachen. Sie ist schon sehr barsch geworden offenbar, nicht verbittert, einfach hart, zumindest nach außen hin; doch ich hatte zuletzt den Eindruck gewonnen, dass sie mit der Welt ihren Frieden gemacht hat. Und was auch interessant ist, wenn man Sie fragt, „Wie redest du denn mit mir?“, oder so …., dann findet ein radikaler Switch im Umgangston von ihr statt.
Doch es gibt schon ein paar Fragen, die mich beschäftigen: – Wurde Sie denn vergewaltigt? Wie wurden ihre Eltern getötet? – Keine Ahnung. – Wurde sie geschlagen? – Aber sicher, so viel hatte sie mir berichtet.
Geschunden wurden sie und die ihren da von den Verwandten, bei denen sie unterkamen, wie sie erzählte. Doch es nahm einen guten Wandel. Früh genug, erkannte sie die Zeichen des politischen Wandels im Osten Deutschlands, und ergriff abermals die Flucht mit ihrem mittlerweile angetrauten Ehemann, zog ihren Kindern zwei, drei Lagen Klamotten an und zog weiter, nach Niederbayern, wo sie ein Haus bauten.
Auch darüber, über diesen Weg, weiß ich wenig. Es erstaunt mich schon, dass ihre Schwestern allesamt in Osterhofen, im Landkreis Deggendorf, untergekommen sind; der Bruder hat sein Glück in Stuttgart gefunden. Auf diesen Zweig der Familie komme ich später noch mal; viel gibt es nicht zu berichten, ebenfalls mangels Kontakt und Kenntnis. Allerdings, das, was ich weiß, hat es in sich.
Dass ich meinen Großvater Heinz nicht schon früher erwähnt hatte, und ihn quasi erst jetzt so direkt nebensächlich erwähne, liegt an seinem zu Lebzeiten ausgedrückten Temperament: ruhig, amüsant, fleißig, bescheiden. Zeit seines Berufslebens bei einem der bayerischen Autohersteller, ist er täglich sehr früh aufgestanden, Bäckeresque sozusagen, in die Fabrik mit dem Bus, früh nach Hause, wiederum früh ins Bett; zwischendurch Haus und Garten pflegen, und ein solides Leben führen. Sagt sich so einfach dahin, vor meinem geistigen Ohr, „solides Leben“… doch, um ehrlich zu sein, kannte ich ihn kaum.
„Da fließt ein großer Fluss, und auf der einen Seite steht ein kleiner Affe. Also, wie kommt der Affe auf die andere Seite? …. Weißt du nicht? Na, wenn du großer Affe das nicht weißt, wie soll dann der kleine Affe das wissen?“ – sein Lieblingswitz.

Heinz P. circa Mitte der 1980er Jahre.
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